Wer von Ankara nach Süden fährt, merkt irgendwann, wie weit Zentralanatolien sein kann. Die Straße zieht sich durch die Ebene, Dörfer liegen verstreut am Horizont, und südlich von Aksaray steht der Hasan Dağı über der Landschaft. Die Stadt selbst wird auf dem Weg nach Kappadokien gerne übersehen. Dabei beginnt ein Teil Kappadokiens genau hier.
Aksaray hat keine Lust auf große Inszenierungen. Die Provinz besitzt das Ihlara-Tal, einen der eindrucksvollsten seldschukischen Karawansereien Anatoliens und Siedlungsspuren, die mehrere Jahrtausende zurückreichen. Trotzdem bleibt sie außerhalb der Region oft die 68, bei der man kurz überlegen muss.

Die 68 gehört zu Aksaray
Die 68 ist das Kfz-Kennzeichen der Provinz Aksaray. Sie wurde vergeben, nachdem Aksaray 1989 wieder eine eigene Provinz geworden war. Zuvor gehörte die Stadt seit 1933 als Landkreis zu Niğde.
Auf deutschen Straßen taucht die Zahl gelegentlich auf Wunschkennzeichen auf, häufiger noch in Vereinsnamen oder Profilbildern. Dahinter kann Aksaray-Stadt stehen, aber ebenso Ortaköy, Güzelyurt, Eskil, Gülağaç oder Sultanhanı. Wer nach dem memleket fragt, bekommt deshalb selten nur eine Provinz genannt.
Kappadokien endet nicht in Nevşehir
Bei Kappadokien denken viele zuerst an Göreme, Ürgüp und die Ballons über den Feenkaminen. Die Landschaft hält sich allerdings nicht an Provinzgrenzen. Westlich von Nevşehir, in der Provinz Aksaray, schneidet der Melendiz Çayı das Ihlara-Tal tief in das vulkanische Gestein.
Oben liegt die trockene zentralanatolische Ebene. Unten wachsen Pappeln am Wasser, schmale Wege folgen dem Fluss, und in den Felswänden befinden sich Kirchen und Wohnräume. Der Wechsel ist so plötzlich, dass das Tal von oben beinahe verborgen wirkt. Wer die Stufen hinabsteigt, landet in einer anderen Landschaft, obwohl er die Provinz nicht verlassen hat.
Belisırma, Selime und Güzelyurt gehören zu demselben historischen Raum. In Güzelyurt stehen alte Steinhäuser neben Kirchen, Moscheen und unterirdischen Anlagen. Der Ort hieß früher Gelveri; viele Familien, die von hier nach Griechenland gingen, bewahrten diesen Namen. Aksaray nur als „Tor nach Kappadokien“ zu bezeichnen, ist deshalb ein wenig so, als läge das Eigentliche immer erst hinter der nächsten Provinzgrenze.
Der Hasan Dağı ordnet die Ebene
Südlich der Stadt erhebt sich der Hasan Dağı. Mit rund 3.268 Metern braucht der Vulkan keine Aussichtsterrasse, um aufzufallen. An klaren Tagen steht er scharf über der Ebene, im Winter oft mit Schnee auf dem Gipfel.

Die vulkanische Geschichte der Gegend formte nicht nur die Landschaft. Im Melendiz-Gebiet liegt Aşıklı Höyük, eine jungsteinzeitliche Siedlung, die zeigt, wie früh Menschen hier dauerhaft lebten. Nahe Helvadere befinden sich außerdem die Reste der antiken Siedlung Nora. Zwischen diesen Orten liegen Jahrtausende, auf der Landkarte aber nur kurze Strecken.
Sultanhanı: Rast an der alten Straße
An der Straße zwischen Aksaray und Konya steht Sultanhanı, eine der größten seldschukischen Karawansereien Anatoliens. Der Bau entstand im 13. Jahrhundert unter Sultan Alaeddin Keykubad. Sein reich verzierter Steineingang führt in einen weiten Hof; in der Mitte steht eine kleine erhöhte Gebetsstätte, die Köşk Mescidi.
Heute hält man hier mit dem Auto und fährt später weiter. Für Händler und Reisende bedeutete die Anlage Schutz für Menschen, Tiere und Waren. Erst wenn man sich eine Reise ohne Asphalt, Tankstelle und Wetterbericht vorstellt, versteht man, weshalb eine Herberge solche Ausmaße bekam.
Der Landkreis trägt heute selbst den Namen Sultanhanı. Rundherum erinnert wenig an die romantische Vorstellung einer Seidenstraße. Gerade das tut dem Bau gut: Er steht nicht in einer Kulisse, sondern weiterhin an einer Straße, auf der Menschen und Waren unterwegs sind.
Von Aksaray nach İstanbul
Der Name Aksaray ist vielen eher aus İstanbul bekannt. Das Viertel in Fatih liegt zwischen Laleli, Yenikapı und der historischen Halbinsel; Straßenbahnen, Hotels und Geschäfte machen es zu einem der geschäftigsten Teile der Stadt.
Die Verbindung nach Zentralanatolien reicht in die osmanische Zeit zurück. Nach der Eroberung Aksarays im 15. Jahrhundert wurde ein Teil der Bevölkerung nach İstanbul umgesiedelt. Der Name der Herkunftsstadt blieb im neuen Viertel erhalten. So laufen täglich Menschen durch das Istanbuler Aksaray, ohne an den Hasan Dağı oder das Ihlara-Tal zu denken.
Was in Aksaray gegessen wird
Die Küche der Provinz arbeitet mit dem, was Zentralanatolien zuverlässig gibt: Getreide, Hülsenfrüchte, Fleisch und Milchprodukte. Sie ist weniger bekannt als die Küche Kayseris oder Gazianteps, muss sich deshalb aber nicht kleiner machen.
Beim Aksaray Tulum Kebabı wird gewürztes Lammfleisch langsam gegart. Überliefert ist das Gericht auch unter dem Namen hırsız kebabı, verbunden mit einer Geschichte über Hirten, ein verschwundenes Lamm und ein anschließendes gemeinsames Essen. Der Hasandağı Testi Kebabı kommt dagegen im Tongefäß auf den Tisch.
Zu den Süßspeisen gehören İnceelek und Köpük Helva. Rund um Sultanhanı kennt man außerdem den Sultanhanı Aşı, der früher in großen Kesseln für Reisende und Bedürftige gekocht worden sein soll. Solche Gerichte findet man nicht an jeder Raststätte. Häufig muss man wissen, in welchem Ort und bei wem man danach fragt.
Teppiche aus Taşpınar und der Malaklı
Taşpınar ist für seine handgeknüpften Teppiche bekannt. Wolle aus der regionalen Schafhaltung bildet das wichtigste Material, geometrische und pflanzliche Motive bestimmen viele Muster. Wie bei anderen anatolischen Teppichtraditionen waren Farben und Formen nie bloß Dekoration. Sie zeigten auch, aus welchem Ort oder welcher Werkstatt ein Stück kam.
Ein zweites regionales Wahrzeichen hat vier Beine und deutlich weniger Geduld mit Besuchern: der Aksaray Malaklısı. Der große Herdenschutzhund wurde für eine Landschaft gezüchtet, in der Herden tatsächlich Schutz brauchten. Sein breiter Kopf und die ausgeprägten Lefzen machen ihn unverwechselbar. Als niedliches Urlaubsmitbringsel eignet er sich nicht.
Eine Provinz, für die man abbiegen muss
Aksaray liegt auf mehreren wichtigen Straßen. Vielleicht wird die Provinz gerade deshalb so oft durchfahren. Wer in Richtung Nevşehir, Konya oder Ankara unterwegs ist, sieht die Abzweigungen nach Ihlara, Güzelyurt und Sultanhanı – und verschiebt sie leicht auf ein nächstes Mal.
Dabei liegt das Interessante nicht weit abseits: ein grünes Tal im Vulkangestein, ein seldschukischer Rastplatz, der Hasan Dağı über der Ebene und Gerichte, die außerhalb der Provinz kaum jemand bestellt. Die 68 erschließt sich nicht in einem einzigen Postkartenmotiv. Man muss einmal von der Hauptstraße herunter.
