Kayseri ist mehr als die 38

Zuletzt aktualisiert am 12. August 2026

Manchmal begegnet uns Kayseri, bevor überhaupt jemand den Namen der Stadt ausspricht. Als 38 auf einem Wunschkennzeichen. Als Erciyes-Silhouette auf einem Vereinslogo. Oder beim Sonntagsfrühstück, wenn Pastırma in der Pfanne brutzelt und der Geruch noch lange in der Küche bleibt.

Wer in Deutschland mit türkischen Familiengeschichten aufgewachsen ist, kennt diese kleinen geografischen Codes. 34 ist İstanbul, 61 Trabzon, 38 Kayseri. Zwei Ziffern reichen, und schon wird aus einer Provinz eine Herkunftserzählung. Dabei wäre es schade, Kayseri auf eine Zahl zu reduzieren. Die Stadt hat eine der selbstbewusstesten Küchen der Türkei, einen Berg, der auf fast jedem Panorama mitreden will, und eine Handelstradition, die älter ist als so manches moderne Wirtschaftsbuch.

Die 38 ist eine Ansage – aber kein Herkunftsnachweis

Auf türkischen Nummernschildern steht die 38 für Kayseri. In Deutschland taucht sie gern auf Wunschkennzeichen, Profilnamen oder Aufklebern auf. Für viele ist sie eine leise Form von memleket: nicht unbedingt der Ort, an dem man selbst geboren wurde, sondern der Ort, von dem Eltern oder Großeltern erzählen.

Trotzdem gilt: Nicht jede 38 auf einem deutschen Kennzeichen führt nach Kayseri. Vielleicht ist es ein Geburtsjahr, vielleicht Zufall. Herkunft lässt sich nicht zuverlässig an einer Stoßstange ablesen. Als kultureller Code funktioniert die Zahl aber erstaunlich gut.

Eine Handelsstadt, lange bevor „Business“ zum Lifestyle wurde

Kayseri erzählt gern von seinem Unternehmergeist. Das klingt manchmal nach Eigenwerbung, hat aber einen historischen Kern. Rund 20 Kilometer nordöstlich der heutigen Stadt liegt Kültepe, das antike Kaniš. Im dortigen Karum handelten assyrische Kaufleute schon vor Jahrtausenden. Tausende Keilschrifttafeln berichten von Verträgen, Waren, Schulden und Familienangelegenheiten. Anders gesagt: Papierkram gab es auch damals – nur auf Ton.

Später hieß die Stadt Mazaka, in römischer Zeit Kaisareia. Daraus entwickelten sich Kayseriye und schließlich Kayseri. Unter den Seldschuken entstanden Medresen, Moscheen, Karawansereien und Heilbauten. Die Lage an wichtigen Handelswegen prägte die Stadt über Jahrhunderte.

Bis heute gehört wirtschaftlicher Erfolg zum Selbstbild Kayseris. Über den berühmten „Kayserili Geschäftssinn“ werden in der Türkei viele Witze erzählt. Ein gutes Provinzporträt darf darüber schmunzeln, sollte daraus aber keine Charakterkunde für anderthalb Millionen Menschen machen.

In Kayseri wird Mantı nicht einfach gekocht – sie wird verteidigt

Beim Essen hört die Bescheidenheit auf. Kayseri beansprucht Mantı nicht nur als Spezialität, sondern beinahe als kulturelles Eigentum. Die Teigtaschen sind klein, mit Hackfleisch gefüllt und werden mit Knoblauchjoghurt, Buttersoße und Gewürzen serviert. Oft heißt es, vierzig Stück müssten auf einen Löffel passen. Ob man diese Prüfung beim ersten Versuch besteht, ist weniger wichtig als die Botschaft dahinter: Gute Mantı braucht Geduld, Übung und sehr geschickte Finger.

Die offizielle Küchendarstellung der Provinz erzählt sogar, dass früher die Mantı-Kunst einer möglichen Schwiegertochter aufmerksam beobachtet worden sei. Heute muss glücklicherweise niemand mehr seine Heiratsfähigkeit an Teigquadraten beweisen. Der Respekt vor der Handarbeit ist geblieben.

Dann ist da Pastırma. Rindfleisch wird gepökelt, gepresst, getrocknet und mit Çemen ummantelt, einer kräftigen Gewürzpaste. Wer Pastırma liebt, öffnet danach besser ein Fenster – nicht weil etwas schiefgegangen ist, sondern weil alles richtig gelaufen ist.

Sucuk gehört ebenfalls fest zu Kayseri. Und wer nur diese drei Klassiker kennt, hat gerade erst angefangen. Yağlama besteht aus dünnen Şebit-Fladen, die mit einer Hackfleisch-Tomaten-Mischung geschichtet und mit Joghurt gegessen werden. Nevzine bringt Tahin, Walnüsse und Sirup zusammen. Kayseris Küche ist nicht fein im Sinne von zurückhaltend. Sie ist präzise, sättigend und überzeugt von sich selbst.

Der Erciyes steht immer mit im Bild

Kayseri ohne Erciyes zu fotografieren, ist möglich, aber man muss sich Mühe geben. Der erloschene Vulkan ragt südlich der Stadt auf und prägt das Panorama. Im Winter ist er Skigebiet, in den wärmeren Monaten Ziel für Bergsport und Wanderungen. Mit rund 3.916 Metern ist er nicht bloß Kulisse, sondern geografischer Fixpunkt.

Wer nur zum Skifahren kommt, verpasst allerdings viel. Kültepe ist einer der bedeutendsten historischen Orte der Provinz. Im Zentrum erzählen die Kayseri Kalesi, die Hunat-Hatun-Anlage und der Gevher-Nesibe-Komplex von unterschiedlichen Epochen. Talas besitzt historische Häuser und Straßenzüge. In Ağırnas führt die Spur zu Mimar Sinan. Weiter südlich und westlich öffnen sich mit Soğanlı, Yahyalı und den Kapuzbaşı-Wasserfällen ganz andere Landschaften.

Von Mimar Sinan bis Menekşe Toprak

Listen berühmter Menschen wirken schnell wie ein Schulreferat. Interessanter ist, was ihre Biografien über die Region erzählen.

Mimar Sinan wurde in Ağırnas bei Kayseri geboren und stieg zum bedeutendsten Architekten des Osmanischen Reiches auf. Seine großen Werke stehen vor allem in İstanbul und Edirne, seine frühe Biografie führt jedoch nach Zentralanatolien zurück.

Âşık Seyrani kam aus Develi. Seine satirischen und gesellschaftskritischen Verse brachten ihm nicht nur Bewunderung, sondern auch Schwierigkeiten mit den Mächtigen seiner Zeit ein. Dadaloğlu ist eng mit den Avşar-Gemeinschaften im Raum Kayseri verbunden. Sein genauer Geburtsort ist allerdings nicht eindeutig belegt.

Abdullah Gül, 1950 in Kayseri geboren, wurde später der elfte Präsident der Republik Türkei. Man kann seine politische Laufbahn unterschiedlich bewerten; für die jüngere politische Geschichte der Stadt ist sein Name nicht wegzudenken.

Eine besonders passende Brücke zur deutsch-türkischen Gegenwart ist die Schriftstellerin und Journalistin Menekşe Toprak. Sie wurde in Kayseri geboren, kam als Kind nach Deutschland und bewegt sich in ihrem Leben und ihrer Arbeit zwischen Berlin und İstanbul. Ihre Biografie zeigt, dass Herkunft keine gerade Linie sein muss. Kayseri kann Geburtsort, Erinnerung, literarischer Stoff und eine von mehreren Heimaten zugleich sein.

Was Kayseri mit Deutschland zu tun hat

In deutschen Städten lebt Kayseri nicht nur in Vereinsnamen und Kennzeichen weiter. Die Provinz steckt in Familiengeschichten, Geschäften, Restaurants, Hochzeiten und Reiseplänen für den Sommer. Viele Kinder und Enkel der ersten Einwanderungsgeneration kennen den Ort zunächst aus Erzählungen: als memleket, in dem angeblich alles besser schmeckt, die Winter kälter sind und jeder noch jemanden aus der Familie kennt.

In vielen Familien ist Kayseri nicht nur ein Ort auf der Landkarte. Die Stadt lebt in Rezepten weiter, in Redewendungen, in sommerlichen Besuchen bei Verwandten und in der selbstverständlichen Frage, aus welchem İlçe die Familie stammt. Manche kennen Develi, Talas oder Bünyan aus eigener Erinnerung, andere nur aus den Erzählungen ihrer Eltern. Die Verbindung ist deshalb nicht bei allen gleich – aber sie verschwindet auch nicht einfach mit der Entfernung.

Solche Geschichten kann man nicht aus Statistiken erzeugen. Man muss sie erzählen lassen.

Was von Kayseri bleibt

Kayseri erschließt sich nicht in einem einzigen Bild. Da ist der Erciyes, der selbst aus der Ferne noch über der Stadt steht. Da sind Mantı, Pastırma und Nevzine, aber auch Kültepe, die seldschukischen Bauwerke und Geschichten von Familien, die heute in Deutschland leben. Für viele ist die 38 deshalb mehr als ein Kennzeichen: eine kleine Erinnerung daran, wo ein Teil ihrer Geschichte begonnen hat.

Die 38 öffnet die Tür. Dahinter warten Kültepe und Erciyes, Mantı und Nevzine, Mimar Sinan und Menekşe Toprak – und viele Geschichten, die noch nicht geschrieben sind.