Sivas: Wo die 58 eine Stimme bekommt

Zuletzt aktualisiert am 12. August 2026

Sivas kann in einem Wohnzimmer in Köln beginnen. Jemand nimmt die Bağlama von der Wand, stimmt kurz nach und spielt eine Melodie, die mehrere Anwesende schon nach den ersten Takten erkennen. Spätestens wenn Âşık Veysel fällt, ist die Provinz da – lange bevor jemand von der 58, dem Kangal oder Divriği gesprochen hat.

Das passt zu einer Gegend, die auf der Landkarte ziemlich weit wirkt. Sivas reicht von Şarkışla bis Divriği, von Suşehri bis Kangal. Manche Landkreise orientieren sich musikalisch und kulturell eher Richtung Kayseri, andere Richtung Malatya, Erzincan oder das östliche Schwarzmeergebiet. Die Provinz ist groß genug, um sich nicht in jedem Dorf gleich anzuhören.

Die 58 ist nur die gemeinsame Überschrift

Die 58 ist das Kfz-Kennzeichen von Sivas. In Deutschland steht sie auf Autos, Vereinslogos und Profilnamen. Wer nach dem memleket fragt, bekommt danach häufig eine genauere Antwort: Zara, Şarkışla, Yıldızeli, Divriği, Kangal oder ein Dorf, dessen Name für die Familie wichtiger ist als für jede Verwaltungskarte.

Dass all diese Orte dieselbe Zahl tragen, macht sie nicht gleich. Suşehri schaut kulturell teilweise Richtung Tokat, Ordu und Giresun. Divriği teilt musikalische Nachbarschaften mit Erzincan und Malatya. Şarkışla klingt stellenweise näher an Kayseri, Kırşehir und Yozgat. Provinzgrenzen sind für Behörden praktisch. Melodien halten sich nicht zuverlässig daran.

Die Steineingänge der Medresen

Im historischen Zentrum von Sivas liegen mehrere Bauwerke des 13. Jahrhunderts erstaunlich nah beieinander. Şifaiye Medresesi, Çifte Minareli Medrese und Buruciye Medresesi stehen rund um denselben Platz, die Gök Medrese ist nicht weit entfernt.

Wer seldschukische Architektur bisher für eine Abfolge brauner Steine hielt, sollte sich die reich verzierten Steineingänge ansehen. Kunsthistorisch werden sie Portale genannt. Geometrische Muster, Schrift und Pflanzenformen sitzen so tief im Stein, dass Licht und Schatten den Schmuck über den Tag verändern. Die Eingänge wirken nicht wie Türen, sondern wie öffentliche Ansagen: Hier wurde gelehrt, geheilt, gebetet und selbstverständlich auch gezeigt, wer sich ein solches Gebäude leisten konnte.

Die Şifaiye war ein Heilhaus, andere Gebäude dienten als Medresen. Heute stehen sie mitten in einer modernen Stadt mit Cafés, Verkehr und Mobiltelefonen. Geschichte funktioniert in Sivas nicht nur im Museum. Man trinkt seinen Tee daneben.

Divriği und der Stein, der keine Ruhe gibt

Von Sivas-Stadt nach Divriği fährt man nicht kurz hinüber. Die Strecke erinnert daran, wie groß die Provinz ist. Am Ende wartet allerdings ein Bauwerk, für das sich der Weg lohnt: die Ulu Cami mit dem angeschlossenen Darüşşifa.

Moschee und Hospital wurden 1228/29 gestiftet und gehören seit 1985 zum UNESCO-Welterbe. Berühmt sind vor allem die monumentalen Steineingänge. Auf Fotos sehen sie bereits aufwendig aus. Vor Ort erkennt man, dass „aufwendig“ ein ziemlich hilfloses Wort sein kann.

Die Ornamente liegen in mehreren Ebenen übereinander. Stein sieht plötzlich gefaltet, geflochten oder beinahe weich aus. Kaum ein Motiv wird einfach kopiert. Das Auge sucht Symmetrie und findet ständig eine neue Abweichung. Wer behauptet, früher sei alles schlichter gewesen, hat diesen Eingang nicht gesehen.

Das Darüşşifa war ein Hospital. Religion, Architektur und medizinische Versorgung gehörten hier zu einem gemeinsamen Komplex. Divriği steht deshalb nicht am Rand der Sivas-Geschichte. Der Ort ist einer ihrer stärksten Sätze.

Eine Schule wird zum politischen Ort

Im September 1919 tagte in Sivas der Kongress, der später zu den zentralen Stationen der türkischen Unabhängigkeitsbewegung gezählt wurde. Delegierte aus verschiedenen Teilen Anatoliens berieten vom 4. bis 11. September über Widerstand, Organisation und politische Ziele.

Das Gebäude war eine Schule. Heute befindet sich dort das Atatürk- und Kongressmuseum. Vielleicht wirkt der Ort gerade deshalb: Große politische Beschlüsse wurden nicht in einem eigens dafür gebauten Regierungspalast gefasst, sondern in Räumen, in denen normalerweise Unterricht stattfand.

In der offiziellen Republikgeschichte besitzt der Kongress einen festen Platz. Im Stadtalltag ist er zugleich Teil der lokalen Identität. Sivas war für einige Tage nicht Provinz auf dem Weg irgendwohin, sondern der Ort, an dem über die politische Zukunft Anatoliens gesprochen wurde.

Âşık Veysel braucht keine laute Sprache

Âşık Veysel Şatıroğlu wurde 1894 in Sivrialan bei Şarkışla geboren. Nach einer Pockenerkrankung verlor er als Kind sein Augenlicht. Mit seiner Bağlama, seinen Gedichten und einer unverwechselbaren Art zu singen wurde er zu einer der wichtigsten Stimmen der Âşık-Tradition im 20. Jahrhundert.

Seine Texte kommen ohne Wortakrobatik aus. Erde, Weg, Freundschaft, Tod und Vergänglichkeit stehen in einfachen Sätzen, die sich erst später als kompliziert herausstellen. Viele Menschen können einzelne Zeilen mitsingen, ohne je beschlossen zu haben, sich mit türkischer Volksdichtung zu beschäftigen.

Sein Wohnhaus in Sivrialan ist heute ein Museum. Âşık Veysel lebt allerdings weniger in Vitrinen als in den Momenten weiter, in denen jemand eine Bağlama nimmt und der Raum von selbst leiser wird.

Auch Pir Sultan Abdal wird mit der Provinz verbunden; die regionale Überlieferung nennt Banaz bei Yıldızeli. Aus Kangal kam Âşık Ruhsati. Muzaffer Sarısözen, ebenfalls aus Sivas, sammelte Volkslieder und trug wesentlich dazu bei, dass regionale Musik über Rundfunk und Chöre ein größeres Publikum erreichte.

Sivas Köftesi besteht aus Fleisch, Salz und Diskussionen

Die Zutatenliste der Sivas Köftesi ist kurz: Fleisch und Salz. Keine Zwiebel, kein Brot, keine Petersilie, kein Gewürzregal. Das Fleisch wird vorbereitet, gesalzen, mehrfach gewolft, ruhen gelassen und über dem Feuer gegrillt.

Je weniger Zutaten ein Gericht hat, desto weniger kann sich eine schlechte Zutat verstecken. Fleischqualität, Salz, Ruhezeit und Grill entscheiden alles. Die offizielle Küchendarstellung verweist sogar auf das regionale Salz aus den Sivas-Salinen. Wer heimlich Kreuzkümmel in die Masse gibt, darf das Ergebnis essen – sollte es in Sivas aber vielleicht nicht zu laut Köfte nennen.

Die Provinzküche endet natürlich nicht am Grill. Madımak wird mit Bulgur oder Fleisch gekocht. Peskütan Çorbası ist eine kräftige Suppe auf Basis eines fermentierten Milchprodukts. Hıngel bringt Teig, Joghurt und Butter zusammen, wobei Form und Füllung je nach Gegend und Familie wechseln.

Çirli Et verbindet Fleisch mit getrockneten Aprikosen. Das klingt nur für Menschen ungewöhnlich, die vergessen haben, wie selbstverständlich süß und herzhaft in vielen anatolischen Küchen zusammenspielen. Lange Winter, Viehwirtschaft und Vorratshaltung haben den Speiseplan stärker geprägt als moderne Vorstellungen von „leichter regionaler Küche“.

Der Kangal braucht keine Imagekampagne

Der Kangal ist einer der bekanntesten Herdenschutzhunde der Türkei. Groß, kräftig und selbstständig sollte er Herden schützen – nicht auf einem Vereinsplakat besonders eindrucksvoll aussehen. Seine Eigenschaften entstanden aus Arbeit.

Gerade weil der Hund zum Symbol geworden ist, wird seine Haltung gern unterschätzt. Ein Kangal ist kein dekorativer Beweis anatolischer Verbundenheit und kein unkomplizierter Hund für jede Stadtwohnung. Er braucht Platz, Erfahrung und Menschen, die Selbstständigkeit nicht mit Ungehorsam verwechseln.

Der Landkreis Kangal hat außerdem die Balıklı Kaplıca, eine Thermalquelle, die durch kleine Fische bekannt wurde. Bei Gürün liegt der Gökpınar-See mit so klarem, blaugrünem Wasser, dass Fotos schnell nach zu viel Bildbearbeitung aussehen. Sivas kann also auch Farbe – obwohl die Provinz in vielen Erinnerungen zunächst in Wintergrau erscheint.

Die 58 in Deutschland

Viele Familien aus Sivas leben seit Jahrzehnten in Deutschland. Die Provinz taucht in Vereinsnamen, Hochzeiten, politischen Diskussionen, Rezepten und vor allem in Musik auf. Herkunft wird hier nicht nur erzählt. Sie wird gespielt und gesungen.

Für die zweite oder dritte Generation kann Sivas ein sehr genauer und zugleich ferner Ort sein. Man kennt das Dorf der Eltern, weiß, aus welchem İlçe die Familie stammt, erkennt bestimmte Lieder und hat trotzdem vielleicht nur wenige Wochen des eigenen Lebens dort verbracht.

Das macht die Verbindung nicht unecht. Memleket wird nicht nach Anwesenheitstagen berechnet. Es kann ein realer Ort, eine Familiengeschichte und eine Melodie sein, die plötzlich in einem deutschen Wohnzimmer beginnt.

Was von Sivas bleibt

Sivas besitzt genügend bekannte Symbole: die 58, den Kangal, Âşık Veysel, den Kongress. Interessant wird die Provinz dort, wo diese Dinge nicht einzeln vorgeführt werden müssen.

Man kann morgens vor einem seldschukischen Steineingang stehen, später Köfte essen und am Abend eine Türkü hören, deren musikalische Nachbarn weit außerhalb der Provinz liegen. Sivas muss sich nicht auf eine einzige Stimme einigen. Es reicht, dass man sie erkennt, wenn sie irgendwo zu spielen beginnt.