Die Frage klingt einfach: Memleket neresi? Woher kommst du? Eine deutsche Stadt reicht als Antwort trotzdem nicht immer. Gemeint sein kann der Geburtsort, die Herkunft der Eltern, das Dorf des Vaters oder die Provinz, deren Kennzeichen seit Jahren als kleiner Aufkleber am Auto klebt. Wer in Dortmund geboren wurde und „Sivas“ antwortet, hat die Frage nicht missverstanden. Er beantwortet nur eine andere Vorstellung von Herkunft.
Türkische Wörter wie memleket, gurbet, sıla, hasret und gönül besitzen deutsche Übersetzungen. Das Problem ist nicht, dass sie unübersetzbar wären. Ein Wörterbuch kann ihre Bedeutung durchaus erklären. Schwierig wird es erst, wenn ein einziges deutsches Wort zugleich Ort, Gefühl, Familie und Entfernung tragen soll.
Inhaltsverzeichnis
Memleket: Herkunft mit mehreren Adressen
Memleket kann Land, Heimat, Herkunftsort oder Gegend bedeuten. Im Alltag fragt Memleket neresi? häufig nach der familiären Herkunft innerhalb der Türkei. Die Antwort lautet dann nicht „Deutschland“ oder „Türkei“, sondern Kayseri, Giresun, Tunceli – und kurz darauf vielleicht noch der Landkreis und ein Dorf.
Das Wort ordnet Menschen geografisch ein, ohne eine moderne Meldebescheinigung zu verlangen. Für die erste Generation war das memleket oft ein tatsächlich verlassener Ort. Bei ihren Kindern und Enkeln kann es eine ererbte Zugehörigkeit sein: Man kennt Familiennamen, Gerichte und Dorfgeschichten, obwohl man selbst nur wenige Sommer dort verbracht hat.
Das führt gelegentlich zu einer seltsamen Rechnung. In Deutschland wird nach der „eigentlichen Heimat“ gefragt, in der Türkei nach Deutschland verwiesen. Memleket löst diesen Widerspruch nicht. Es lässt nur zu, dass Herkunft eine Adresse besitzt, an der man nicht dauerhaft wohnen muss.
Gurbet: Nicht zu Hause, aber längst angekommen
Gurbet bezeichnet einen Ort fern von der Heimat und zugleich den Zustand, in dieser Ferne zu leben. Das türkische Wörterbuch beschreibt ihn als einen Ort fern von dem Platz, an dem man geboren wurde und lebte. In Liedern und Erzählungen trägt das Wort zusätzlich Einsamkeit, Arbeit, Entfernung und Sehnsucht.
Für Arbeitsmigranten wurde Deutschland zum gurbet. Das Wort passte zu Wohnheim, Fabrik, Briefen nach Hause und dem Plan, irgendwann zurückzukehren. Aus einigen Jahren wurden Jahrzehnte. Kinder wurden geboren, Wohnungen gekauft, Betriebe gegründet und Eltern beerdigt. Der angeblich vorübergehende Ort wurde zum Mittelpunkt eines Lebens.
Genau da wird gurbet interessant. Man kann in Deutschland zu Hause sein und das Wort trotzdem verstehen. Es bezeichnet dann nicht schlicht Ausland. Es bewahrt die Erinnerung daran, dass Ankommen und Entferntsein gleichzeitig möglich sind.
Sıla: Der Ort auf der anderen Seite der Sehnsucht
Sıla steht gurbet gegenüber. Gemeint sind Heimat, Herkunftsort oder die Rückkehr zu den eigenen Menschen. In älteren Liedern erscheint sıla als der Ort, zu dem man sich sehnt, während man fern lebt.
Die beiden Wörter brauchen einander. Ohne Entfernung kein gurbet, ohne gurbet bekommt sıla nicht dieselbe Schwere. Wer aber nach vielen Jahren zurückkehrt, entdeckt möglicherweise, dass der ersehnte Ort sich verändert hat – und man selbst ebenfalls.
So kann ausgerechnet Deutschland nach einem langen Türkei-Aufenthalt zur sıla werden: die eigene Wohnung, die vertraute Straße, der Kaffee, den man dort angeblich nie vermissen würde. Wörter halten sich nicht immer an die Richtung, in der die erste Generation gereist ist.
Hasret: Sehnsucht mit Entfernung
Hasret wird mit Sehnsucht übersetzt. Es ist jedoch meist eine Sehnsucht nach jemandem oder etwas, von dem man getrennt ist. Hasret kalmak bedeutet, etwas lange entbehren zu müssen; hasret gidermek, die Sehnsucht durch Wiedersehen oder Nähe zu lindern.
Das Wort lebt in Liebesliedern ebenso wie in Familiengesprächen. Großeltern vermissen Enkel, Menschen ihre Partner, Ausgewanderte einen Ort oder eine Sprache. Dabei ist hasret nicht automatisch poetisch. Es kann auch in einem Satz über bestimmte Aprikosen, den Geruch eines Treppenhauses oder ein Brot auftauchen, das in Deutschland einfach nie genau so schmeckt.
Sehnsucht hält sich selten an eine Rangordnung. Man kann eine Person schmerzlich vermissen und gleichzeitig erstaunlich konkrete Gedanken an Frühstück haben.
Gönül: Herz, Wille und ein sehr empfindlicher Innenraum
Gönül wird häufig als Herz oder Seele übersetzt. Gemeint ist nicht das körperliche Organ, sondern der innere Ort von Gefühl, Neigung, Wunsch und Zuneigung. Das Wort lässt sich kaum allein erklären, weil es besonders in seinen Verbindungen lebt.
Gönül almak heißt, jemanden zu versöhnen oder sein Herz zurückzugewinnen. Gönül koymak bedeutet, gekränkt zu sein. Gönlü olmak heißt, Gefallen oder Interesse an etwas beziehungsweise jemandem zu haben. Wer gönülsüz handelt, tut es widerwillig. Und gönülden kommt von Herzen.
Das deutsche „Herz“ kann vieles davon ebenfalls. Trotzdem bewegt sich gönül leichter zwischen Liebe, Stolz, Kränkung und freiem Willen. Es ist kein stilles Gefäß für Gefühle. Es kann sich zuwenden, brechen, beleidigt sein, zurückgewonnen werden und Entscheidungen treffen, bei denen der Verstand anschließend die Formalitäten erledigen darf.
Hüzün: Traurigkeit, die im Raum bleiben darf
Hüzün bedeutet Traurigkeit oder Melancholie. Das Wort muss aber nicht immer auf eine akute persönliche Krise verweisen. Es kann eine Stimmung beschreiben, die aus Erinnerung, Verlust und Vergänglichkeit entsteht.
In Musik und Literatur besitzt hüzün einen festen Platz. Eine alte Aufnahme, ein leer gewordenes Haus oder eine vertraute Straße nach vielen Jahren können ihn hervorrufen. Das Gefühl verlangt nicht sofort nach einer Lösung. Es darf einen Moment mit am Tisch sitzen.
Gerade darin unterscheidet sich hüzün von einer bloßen schlechten Laune. Niemand muss aufgemuntert werden, nur weil ein Lied eine Erinnerung geöffnet hat. Manchmal wird der Tee nachgeschenkt und das Lied läuft zu Ende.
Kısmet und nasip: Was einem zufällt
Kısmet bezeichnet Schicksal, Fügung oder den Anteil, der einem bestimmt ist. Das Wort fällt häufig bei Liebe und Heirat, aber ebenso bei Arbeit, Wohnung und Zukunft. Kısmet değilmiş sagt man, wenn etwas trotz Bemühungen nicht geworden ist: Es sollte wohl nicht sein.
Nasip liegt nahe daran und meint einen zugedachten Anteil oder etwas, das einem vergönnt ist. Nasip olursa blickt vorsichtig nach vorn: wenn es uns vergönnt ist. Beide Wörter lassen Raum für Dinge, die nicht vollständig kontrollierbar sind.
Das kann fatalistisch klingen. Im Alltag folgt daraus jedoch nicht zwangsläufig Untätigkeit. Man plant, arbeitet und hofft – und erkennt zugleich an, dass ein gelungener Plan noch mit anderen Menschen, Umständen und gelegentlich schlicht Glück verhandeln muss.
Ayıp: Die unsichtbare Hausordnung
Ayıp bedeutet Schande, Ungehörigkeit oder etwas, das sich nicht gehört. Als kurzer Ausruf kann das Wort einen ganzen Raum disziplinieren. Wer einen Gast nicht zum Essen auffordert, eine ältere Person nicht grüßt oder eine soziale Grenze überschreitet, hört möglicherweise: Ayıp!
Welche Grenze gemeint ist, hängt von Familie, Region und Generation ab. Das macht ayıp zu einer unsichtbaren Hausordnung, deren Regeln häufig erst dann vorgelesen werden, wenn jemand dagegen verstößt.
In deutsch-türkischen Familien wird das Wort deshalb auch verhandelt. Was früher als unanständig galt, kann heute selbstverständlich sein. Manche Regeln schützen Rücksicht und Respekt, andere vor allem die Erwartung, dass niemand auffällt. Ein einziges Wort trägt dann sowohl Fürsorge als auch sozialen Druck.
Nazar: Wenn ein Blick zu viel Gewicht bekommt
Nazar bezeichnet im alltäglichen Zusammenhang den schädlichen Blick, der aus Neid oder übermäßiger Bewunderung entstehen kann. Das blaue nazar boncuğu soll davor schützen. Man findet es an Wohnungstüren, Kinderwagen, Autos und Schmuckstücken.
Wer etwas Schönes lobt, sagt häufig maşallah, um das Lob nicht in einen unheilvollen Blick kippen zu lassen. Manche Menschen verstehen das religiös oder spirituell, andere als vertraute kulturelle Geste. Wieder andere lehnen den Glauben daran ab und hängen das blaue Auge trotzdem auf – sicher ist sicher und außerdem passt es farblich.
Memleket passt nicht in ein einziges Kästchen
Diese Wörter sind nicht wertvoller, weil sie angeblich unübersetzbar wären. Jede Sprache besitzt Begriffe, für die eine andere mehrere Sätze benötigt. Interessant ist, was Menschen mit ihnen tun.
In Deutschland haben memleket und gurbet neue Nachbarschaften bekommen. Ein Kind kann das memleket seiner Eltern lieben, ohne dort leben zu wollen. Eine Großmutter kann Deutschland jahrzehntelang gurbet nennen und auf einer langen Türkei-Reise trotzdem ihre deutsche Küche vermissen. Das ist kein Widerspruch, der dringend aufgelöst werden muss.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Stärke dieser Wörter. Sie verlangen keine Entscheidung zwischen zwei sauber beschrifteten Orten. Sie geben Herkunft, Entfernung und Zugehörigkeit genügend Platz, um gleichzeitig wahr zu sein.
