Türkische Redewendungen, die man nicht wörtlich übersetzen kann

Man hat gerade den letzten Teller vom Tisch genommen, da fällt ein Satz, für den das Deutsche erstaunlich wenig anzubieten hat: Eline sağlık. Wörtlich wünscht man den Händen Gesundheit. Gemeint ist: Das Essen war gut, danke für die Arbeit, die darin steckt. Ein schlichtes „lecker“ wäre nicht falsch, aber ein wenig dünn.

Solche türkischen Redewendungen begleiten keine großen Reden. Sie stehen an der Ladentür, neben einem Krankenbett, zwischen zwei Umzugskartons oder am Telefon, wenn jemand eine neue Stelle bekommen hat. Viele lassen sich übersetzen. Nur geht beim Übersetzen häufig genau das verloren, was sie im Alltag so nützlich macht: Aufmerksamkeit für das, was ein anderer gerade tut oder erlebt.

Eline sağlık: Gesundheit für deine Hände

Eline sağlık sagt man meist zu einer Person, die gekocht, gebacken oder etwas mit den Händen hergestellt hat. Zu mehreren Menschen heißt es ellerinize sağlık. Die höfliche Mehrzahl wird auch gegenüber einer einzelnen Person verwendet, die man siezt oder respektvoll anspricht.

Der Satz lobt nicht nur das Ergebnis. Er bedankt sich bei den Händen, die geschnitten, geknetet, gerührt und anschließend vermutlich auch die Küche aufgeräumt haben. Darin steckt eine kleine Gerechtigkeit, die man auf Deutsch umständlich erklären müsste.

Die übliche Antwort lautet afiyet olsun: Möge es bekommen. Wer gekocht hat, nimmt das Lob also nicht einfach entgegen, sondern schickt einen guten Wunsch zurück. Ein Gespräch kann in der Türkei sehr lange aus Wünschen bestehen, ohne dass jemand eine Frage gestellt hat.

Kolay gelsin: Möge die Arbeit leicht von der Hand gehen

Kolay gelsin hört man im Geschäft, in der Werkstatt, beim Friseur oder auf einem Amt. Man sagt es zu Menschen, die gerade arbeiten. Wörtlich bedeutet es ungefähr: Möge es leicht kommen. Auf Deutsch passt je nach Situation „gutes Schaffen“, „viel Erfolg“ oder einfach ein freundlicher Gruß. Keine Übersetzung trifft den Ton vollständig.

Der Satz ist deshalb so angenehm, weil er die Arbeit des anderen kurz wahrnimmt. Man betritt nicht nur einen Laden und verlangt etwas. Man sieht, dass dort jemand beschäftigt ist. Auch beim Abschied passt kolay gelsin – besonders dann, wenn für die Person hinter dem Tresen noch lange kein Feierabend beginnt.

Eine verbreitete Antwort ist sağ ol beziehungsweise höflicher sağ olun: Danke, wörtlich etwa „bleib gesund“.

Geçmiş olsun: Es möge vorüber sein

Nach einer Krankheit, einem Unfall oder einer anderen unangenehmen Erfahrung sagt man geçmiş olsun. Der Wunsch richtet den Blick bereits auf den Moment danach: Möge es vergangen sein. Das funktioniert bei einer Operation ebenso wie bei einer Grippe oder einem kleineren Missgeschick.

Der Ausdruck wird gelegentlich auch ironisch gebraucht. Wer gerade erfahren hat, wie teuer die Autoreparatur wird, kann ebenfalls ein trockenes geçmiş olsun hören. Der Zusammenhang entscheidet, ob darin Mitgefühl, Galgenhumor oder beides steckt.

Hayırlı olsun: Mehr als „Herzlichen Glückwunsch“

Neue Wohnung, neues Auto, neue Arbeit, Hochzeit, Geschäftseröffnung: Hayırlı olsun passt immer dann, wenn etwas beginnt oder neu ins Leben tritt. Hayırlı meint etwas Gutes, Förderliches oder Segensreiches. Man gratuliert also nicht nur zum Besitz oder Erfolg. Man wünscht, dass daraus etwas Gutes entsteht.

Das ist ein feiner Unterschied. Ein neues Auto kann glänzen und trotzdem ständig in die Werkstatt müssen. Ein neuer Arbeitsplatz kann auf dem Papier hervorragend aussehen und sich später als Fehlentscheidung erweisen. Hayırlı olsun lässt für diese Unwägbarkeiten Platz.

Als Antwort genügt teşekkür ederim oder sağ ol. Wer den Wunsch erwidern möchte, sagt etwa daha iyisi sana nasip olsun: Möge dir etwas noch Besseres vergönnt sein.

Güle güle kullan: Benutze es mit Freude

Zu einer neuen Jacke, einem Telefon, Möbelstück oder Auto hört man güle güle kullan. Der Satz wünscht, dass der neue Gegenstand mit Freude und ohne Kummer benutzt wird. Für Kleidung heißt es entsprechend güle güle giy, für eine neue Wohnung güle güle oturun.

Das doppelte güle güle begegnet Deutschsprachigen auch beim Abschied. Streng genommen sagt es die Person, die bleibt, zu der Person, die geht. Die gehende Person verabschiedet sich mit hoşça kal – bleib angenehm oder bleib wohl. Im wirklichen Leben wird die grammatische Rollenverteilung nicht an jeder Haustür kontrolliert. Wichtig ist, dass man überhaupt Abschied nimmt; in größeren Familien kann das eine eigene Veranstaltung sein.

Hoş geldin und hoş bulduk: Willkommen braucht eine Antwort

Hoş geldin bedeutet willkommen. Zu mehreren Personen oder höflich heißt es hoş geldiniz. Darauf antwortet man traditionell mit hoş bulduk: Wir haben es angenehm vorgefunden.

Das klingt in der wörtlichen Übersetzung beinahe förmlich. Im Alltag läuft der kleine Wechsel so selbstverständlich wie Frage und Antwort. Wer nur lächelt und danke sagt, begeht deshalb keinen gesellschaftlichen Unfall. Mit hoş bulduk öffnet sich die Tür aber sprachlich ein Stück weiter.

Afiyet olsun: Guten Appetit – vorher, nachher und zwischendurch

Afiyet olsun wird meist mit „Guten Appetit“ übersetzt. Der türkische Ausdruck ist beweglicher. Er kann vor dem Essen fallen, nach dem Essen, beim Servieren oder als Antwort auf eline sağlık. Gemeint ist, dass das Gegessene Gesundheit und Wohlbefinden bringen möge.

Wer an einem Tisch vorbeigeht, an dem bereits gegessen wird, kann ebenfalls afiyet olsun sagen. Der Wunsch kommt nicht zu spät. Er kontrolliert keinen Speiseplan, sondern begleitet das Essen.

Başın sağ olsun: Ein Satz für einen schweren Moment

Bei einem Todesfall sagt man zu Angehörigen başın sağ olsun, höflich oder an mehrere Personen gerichtet başınız sağ olsun. Eine mögliche deutsche Entsprechung ist „Mein Beileid“. Wörtlich lässt sich der Satz nur unbeholfen wiedergeben; sinngemäß wünscht er den Hinterbliebenen Kraft und weiteres Leben.

Häufig folgt Allah rahmet eylesin: Möge Gott sich des verstorbenen Menschen erbarmen. Der religiöse Bezug ist offen, der Ausdruck gehört jedoch für viele Menschen ganz selbstverständlich zur sozialen Sprache des Beileids. Wer ihn nicht verwenden möchte, ist mit başınız sağ olsun gut und respektvoll aufgehoben.

Allah korusun und maşallah: Gute Dinge nicht herausfordern

Allah korusun bedeutet „Gott bewahre“. Der Satz fällt, wenn man eine befürchtete Möglichkeit ausspricht: einen Unfall, eine Krankheit oder anderes Unglück. Er kann religiös gemeint sein, aber auch so alltäglich wie das deutsche „bloß nicht“.

Maşallah hört man dagegen beim Anblick von etwas Schönem oder Erfreulichem: eines Kindes, einer bestandenen Prüfung, eines neuen Hauses. Das Wort drückt Anerkennung aus und soll zugleich vor dem nazar, dem schädlichen oder neidischen Blick, schützen. Deshalb hängt in manchen Wohnungen ein blaues nazar boncuğu, während andere Familien damit wenig anfangen können. Türkischer Alltag ist auch in dieser Frage nicht verpflichtet, sich auf eine gemeinsame Weltanschauung zu einigen.

Ayıp: Wenn ein einziges Wort den ganzen Raum erzieht

Ayıp kann Schande, Ungehörigkeit oder etwas gesellschaftlich Unpassendes bedeuten. Als Ausruf heißt es ungefähr: Das macht man nicht. Kinder hören das Wort früh, Erwachsene keineswegs selten.

Was als ayıp gilt, verändert sich je nach Familie, Generation und Umgebung. Für die eine Tante ist es ayıp, einen Gast ohne Essen gehen zu lassen. Für den Neffen ist eher ayıp, ihm trotz dreimaliger Ablehnung noch einen Teller hinzustellen. Das Wort benennt deshalb nicht nur Regeln. Es eröffnet auch die Verhandlung darüber, wessen Regeln gerade gelten.

Kısmet: Was sich nicht vollständig planen lässt

Kısmet wird mit Schicksal, Los oder Fügung übersetzt. Es kommt ins Spiel, wenn ein Ausgang noch offen ist: bei Beziehungen, Arbeit, Wohnungssuche oder Zukunftsplänen. Kısmetse olur bedeutet ungefähr: Wenn es bestimmt ist, wird es geschehen.

Das muss keine Aufforderung zum Nichtstun sein. Bewerbungen werden trotzdem geschrieben, Wohnungen trotzdem besichtigt. Kısmet erkennt nur an, dass selbst gute Vorbereitung keine Garantie liefert. Für eine Kultur, in der zuweilen sehr viele Menschen an der Planung eines einzelnen Lebens beteiligt sind, ist das ein bemerkenswert entspannter Gedanke.

Warum diese Sätze auch auf Deutsch weiterleben

In deutsch-türkischen Familien wechseln solche Ausdrücke oft mitten im Satz die Sprache. Jemand erzählt auf Deutsch von der neuen Wohnung, die Mutter antwortet mit hayırlı olsun. Der Handwerker spricht akzentfreies Ruhrgebietsdeutsch und verabschiedet seinen Kollegen trotzdem mit kolay gelsin. Das ist keine sprachliche Unordnung. Manche Sätze haben schlicht ihren festen Arbeitsplatz.

Wer Türkisch lernt, kann mit diesen Wendungen früher am Alltag teilnehmen als mit manchem vollständig konjugierten Lehrbuchsatz. Sie zeigen, wann Menschen einander Arbeit, Gesundheit, Glück, Geduld oder einen guten Ausgang wünschen. Vielleicht werden sie deshalb so häufig gebraucht: Man muss nicht alles über das Leben des Gegenübers wissen, um ihm für einen Moment etwas Gutes mitzugeben.